| Darmstädter Echo, 10.
Januar 2005
Bleibt alles anders Wenn Wahlen etwas verändern könnten, dann wären sie längst abgeschafft. Diese pessimistische Einstellung eint religiöse Fundamentalisten und Verbalrevolutionäre weltweit. Selbst in den deutschen Partyräumen des gesicherten Wohlstands bleibt dieser Ausspruch meist unwidersprochen zwischen den Caipirinha-Gläsern stehen. Wir wollen den Wandel. Egal welchen. Hauptsache radikal. Hauptsache jetzt und hier. So geht es nicht mehr weiter. Dem allgemeinen Empfinden nach gehen soziale Veränderungen viel zu langsam vonstatten. Im Speziellen jedoch viel zu schmerzlich. Sei es bei der Praxisgebühr, den Steuerfreibeträgen oder den Zumutbarkeitsregeln bei Arbeitsuchenden. Jedes Reförmchen verursacht einen Urschrei aus der Volksseele. Deshalb lassen Parteien jedweder Farbschattierungen tendenziell lieber die Finger von schmerzlichen (Er-) Neuerungen, die wir uns angeblich so sehnlichst wünschen. Aus solchen Ohnmachtsgefühlen heraus wurde der Aberglaube geboren, demzufolge ein Jahreswechsel mit dem Anbruch einer neuen Zeit gleichzusetzen sei. Kaum auf der Welt, soll es das neue Jahr richten, den großen Wurf wagen, das Ruder rumreißen, den Mentalitätswandel in Deutschland herbeiführen, den schwarzen Himmel farbenfroh erleuchten. Jetzt wird sich wieder was getraut. Aber kaum ist das junge Jahr eine kleine Woche alt, ist es schon vorbei - mit der Aufbruchstimmung. Zigaretten
und Schokolade schmecken wieder, die Mitgliedskarte vom Fitnessclub bleibt unauffindbar und Meinungsumfragen lassen alle Hoffnungen auf einen
Stimmungsumschwung wie Knallfrösche zerplatzen. War früher wenigstens noch die Zukunft besser, so blickt die Mehrheit der Deutschen
mit großen Bedenken ins neue Jahr: 53 Prozent hegen den Glauben, 2005 würde ein schlechteres Jahr als das vergangene. In Ostdeutschland
sehen sogar 64 Prozent schwarz für dieses Jahr. Damit aus Schwarzmalern im Bundestagswahljahr 2006 nicht
Schwarzwähler werden, hat sich der Bundeskanzler und seinem Kabinett unerschütterliche Zuversicht verordnet. Nachdem es bereits
in der Neujahrsansprache Schröders 2001 „viele Zeichen der Hoffnung" gab und wir 2002 vor einem „Anfang für eine neue Dynamik
wirtschaftlicher Leistung" standen, seien wir jetzt, dank der rot-grünen Agenda-Reformen, „wieder zukunftsfähig".
Bleibt also alles anders in Deutschland. Oder, um es
radikal-revolutionär zu formulieren: Würden Jahreswechsel etwas verändern, dann wären sie längst abgeschafft.
Darmstädter Echo, 19. Februar 2003
Wilhelm Eins, Zwo, Drei
Gegenwart ist gelebte Vergangenheit. Zu dieser Feststellung könnte sich ein Laienhistoriker hinreißen
lassen, wenn er in die Tiefen der Gemütslage der Deutschen hinabtaucht. Auf dem ozeanischen Grund vergangener Tagesaktualität
wird er auf den Trümmerhaufen unserer politischen Kultur treffen, den der Generalsekretärs der CSU hinterließ, als er im
November 2002 SPD- mit Naziwählern verglich. Links daneben dürften die fragmentarisch erhaltenen Zeilen des Lafontaine
liegen, der Bundeskanzler Gerhard Schröder vor dem Negativ des Reichskanzlers Brüning ins rechte Bild der gleichnamigen
Zeitung gerückt hatte.
Wer diese Tauchfahrt im Gruselkabinett der Metaphernkriege fortsetzt, wird im Archiv des Hessischen Landtages Protokolle finden,
die dokumentieren, dass ein Ministerpräsident im Deutschland des 21. Jahrhunderts den Umgang mit reichen Menschen mit der
Judenverfolgung im Dritten Reich gleichsetzte. In alten Zeitungsmagazinen wird er Artikel über eine ehemalige Justizministerin
lesen können, die einst Adolf Hitler im Bush sah. Der Staub ermüdender Historiker-Debatten wird sich schließlich auf die Parallelen
legen, die der Hobby-Geschichtsschreiber Edmund Stoiber zwischen Schröder und Wilhelm II. entdeckte.
Wen kümmert es, ob Gerhard der Isolierte mit „Kein Krieg" als Wilhelm der
III. in die Geschichte eingeht, wärend sein Vorgänger, also der II.,
sich vom I. darin unterschied, dass er den Krieg lieber jetzt als später
führen wollte? Eines Tages werden Archäologen Festplatten ausgraben
und nicht nur auf die geballte geschichtliche Kompetenz unserer Politiker stoßen,
sondern auch auf unsere.
Da werden E-Mails auftauchen, in denen sich eine Bürodame über „ihren Stalin im Vorstand"
beschwert oder ein Schüler über den "Fascho-Lehrer"in Mathematik. Wahrscheinlich wäre
auch der Fund des SMS-Textes, demzufolge sich ein Mädchen von ihrem Freund trennt,
weil sie sich in der Beziehung „wie in einem Gulag eingesperrt" fühlt.
Das In-Beziehung-setzen
von unvereinbaren Gestalten bleibt zeitgemä. Die Geschichte wird jedoch eines über uns
als nationale Metapherngemeinschaft nicht sagen können: Wir hätten ein gestörtes
Verhältnis zur Geschichte. Nö, unsere Freundschaftsbande zur Historie sind ganz und gar
ahistorisch. |