| Darmstädter Echo, 28. April 2006
Der Blick aus meinem Fenster - Betrachtungen
Endlich wieder als Schriftsteller wahrgenommen werden, nicht als Leitartikler - diesen Wunsch äußerte Orhan Pamuk in einem Interview kurz vor Beginn des Gerichtsverfahrens wegen „Beleidigung des Türkentums“. Anfang des Jahres hat die Regierung in Ankara angesichts der breiten internationalen Empörung darauf verzichtet, dem kritischen Autor den Prozess zu machen. Gleichwohl hat der Hanser-Verlag auf das nicht nur wegen der türkischen Justizposse gestiegenen Interesses an den engagierten Wortmeldungen seines Autors reagiert. In dem Sammelband „Der Blick aus meinem Fenster“ findet sich eine Mischung aus Aufsätzen, Reden, einer kürzeren Erzählung und jeder Menge Zeitungsartikel. Bei den als „Betrachtungen“ deklarierten Essays handelt es sich meist um bereits veröffentlichte Texte. Einige Kostbarkeiten wiederum, wie etwa das Nachwort Pamuks zur türkischen Ausgabe der Werke Patricia Highsmiths, waren bislang unübersetzt geblieben. Wertvoll für das Verständnis des Autors ist auch der Abdruck jener Rede, die Orhan Pamuk am 3. Oktober 2005 in Darmstadt anlässlich der Verleihung des Ricarda-Huch-Preises hielt. Nicht minder interessant: Die Friedenspreis-Rede, gehalten ebenfalls im vergangenen Jahr. Geordnet werden die 30 Essays nicht chronologisch, sondern unter Leitthemen wie „Das Leben ist ein gute Ausrede für Bücher“ oder „Die Politik lenkt zu sehr ab“. Auf das Verfahren selbst, das gegen ihn angestrengt wurde, geht der Autor nur in einem einzigen Text ein. Die kafkaesken Ausmaße dieser Vorstellung andeutend, ist der Artikel mit „Der Prozess“ übertitelt. Orhan Pamuk gesteht hierin eine gewisse Scham, die ihn erst zum Schweigen brachte, die sich danach aber in trotzige Verzweiflung umkehrte: „Ich lebe in einem Land, das seine Generäle, Polizeioffiziere und Staatsmänner schon zu Lebzeiten bei jeder sich bietenden Gelegenheit würdigt und ehrt, seine Schriftsteller aber mit Gerichtsverfahren und Haftstrafen plagt.“ Wenn Pamuk den Blick aus dem Fenster seiner Wohnung in Istanbul richtet, dann gewährt er seinen Lesern innere, ja fast intime Einblicke über sein Privatleben und sein Selbstverständnis als Schriftsteller, als türkischer Staats- und Weltbürger, als Sohn eines stolzen Patriziers und als stolzer Vater einer Tochter. Wir erfahren, warum der immer wieder als Literaturnobelpreiskandidat gehandelte Schriftsteller kein Maler oder Architekt geworden ist oder warum ihn Nationalfahnen Angst machen. Die autobiografischen Notizen aus seinen Romanen werden in seinen Essays zu biografischen Feuilletons. Der Sammelband endet mit den heimlichen Tränen der Mutter, die der kleine Ali, das sechsjährige Alter Ego Pamuks, in der Erzählung „Aus dem Fenster schauen“ erst im letzten Satz entdeckt. Der Vater ist ohne eine Nachricht auf nach Paris, um dort sein Glück als Lebemann zu versuchen. Zurück bleibt eine ratlose Familie. Das Leben verlagert sich ins Anderswo, irgendwo draußen auf der Straße, wo kein Mensch mehr den anderen kennt. Hier, inmitten dieser intimen Anonymität seiner geliebten Stadt Istanbul, findet Pamuk seine Geschichten. Hier ereignen sich die Dinge, über die kein Autor schweigen sollte. Orhan Pamuk ist auch als Leitartikler ein brillanter Schriftsteller. Orhan Pamuk: Der Blick aus meinem Fenster - Betrachtung, Hanser-Verlag München, 192 Seiten, 21,50 Euro.
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2. Mai 2000 Griechenland auf dem Weg zum Olymp?
Oberflächlichen Betrachtern erscheint der Weg Griechenlands in die Europäische Wirtschafts- und Währungsunion als eine Erfolgsstory. Lange Zeit hatte es wegen der ökonomischen Strukturschwächen so ausgesehen, als ob die Bemühungen des Mittelmeerlandes um den Beitritt zur europäischen Einheitswährung vergeblich seien. Noch im Mai 1998, also ein halbes Jahr vor dem offiziellen Start des Euro, hatte das Land die so genannten Maastrichter-Kriterien weit verfehlt. Das Konvergenzprogramm, mit dem der sozialistische Ministerpräsident Konstantinos Simitis das „griechische Wirtschaftswunder“ eingeleitet hatte, trug aber schon damals die ersten zarten Früchte. Inzwischen sehen einige internationale Beobachter in Griechenland einen europäischen Musterschüler. Die oftmals als träge bezeichnete Wirtschaft im einstigen Schlusslicht der Gemeinschaft wächst überdurchschnittlich. Die ehrgeizige Spar- und Konsolidierungspolitik der letzten Jahre hat das Haushaltsdefizit auf 1,9 Prozent des Bruttoinlandproduktes und die Inflationsrate auf einen historischen Tiefstand von 2,4 Prozent gedrückt. Vor diesem Hintergrund erscheint der Beitritt Griechenlands zur Wirtschafts- und Währungsunion im Jahr 2001 bereits als gesichert, auch wenn das Wirtschafts- und Finanzkomitee der Europäischen Kommission formell über den im März eingereichten Antrag Griechenlands erst noch befinden muss. Wer diesen Weg Griechenlands anhand kritisch-fundierter Quellen ernsthaft nachvollziehen will, der kann sich auf das Buch „Griechenland auf dem Weg zur Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion.“ verlassen. In konzeptioneller Anlehnung an eine gleichnamige Konferenz 1998 in Hamburg, hat die Herausgeberin Mary Papaschinopoulou einundzwanzig aktualisierte Aufsätze von namhaften Wissenschaftlern zusammengetragen, die nicht nur eine wissenschaftliche Rückbetrachtung präsentieren, sondern auch Prognosen und Empfehlungen wagen. In diesem Band wird dem Leser ein umfassender interdisziplinärer und praxisorientierter Blick auf für die Gesellschaft relevante Bereiche geboten, die von den Bemühungen zur Erreichung der Konvergenzkriterien erfasst und nachhaltig beeinflusst worden sind – angefangen von den fiskalpolitischen Maßnahmen, den damit verbunden Auswirkungen im öffentlichen Bereich bis hin zu den beitrittsbedingten Anpassungserfordernissen an das nationale Rechtssystem und zur Privatwirtschaft. Die im letzten Kapitel veröffentliche Podiumsdiskussion spürt die Meinungen der im Tagesgeschäft der Politik viel beschworenen „einfachen Bürger“ und ihre Reaktionen auf die oftmals kontrovers geführte Euro-Debatte auf. Das Buch, realisiert durch die finanzielle Unterstützung der Europäischen Kommission sowie deutscher und griechischer Sponsoren, macht aber vor allem eines deutlich: Der Weg Griechenlands in die Europäische Währungsunion ist keine einzige, sondern eine vielschichtige und keinesfalls auf allen Gebieten mit Erfolg gekrönte Erfolgsgeschichte. Der prophezeite Beitritt zur Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion ist der erste zurückgelegte Abschnitt – ein Teilerfolg in einem von vielen Menschen als schmerzhaft empfundenen Modernisierungskurs des Landes. Es ist, wie es der ehemalige Präsident der Deutschen Bundesbank, Hans Tietmeyer, auf seine ihm eigene Art und Weise im Vorwort andeutet: Der nominellen muss die realwirtschaftliche Konvergenz erst noch folgen – ein Projekt, das unter anderem die Sanierung des maroden Renten- und Gesundheitswesens einschließt, und mit dem sich die nächste Regierung in der „Post-Euro“-Phase Griechenlands unweigerlich auseinandersetzen muss. Mary Papaschinopoulou (Hrsg.): Griechenland
auf dem Weg zur Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion.
Wie kann von den deutschen Erfahrungen sinnvoll profitiert werden? Nomos
Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 1999, 331 Seiten, 98 DM.
Tageszeitung (taz), 27. Juni 2000 Deutsche Ordnung - deutsches Morden
Als Bundespräsident Johannes Rau im Frühjahr die kleine griechische Stadt Kalavryta besuchte, rückte er für wenige Tage einen Ort in das öffentliche Bewusstsein Deutschlands, der in Griechenland zum Inbegriff für die grausamen „Sühnemaßnahmen“ der Wehrmacht an Zivilisten wurde. In Kalavryta wurde am 13. Dezember 1943 nahezu die gesamte männliche Bevölkerung hingerichtet - das jüngste unter den mehr als 1.300 Opfern war erst dreizehn Jahre alt. Diese Verbrechen nationalsozialistischer Truppen sind in Deutschland bisher kaum wahrgenommen worden, der Aufklärungsbedarf ist immens. Während Orte wie Lidice oder Oradour-sur-Glane noch als Symbolnamen für die Exzesse der Wehrmacht und der Waffen-SS im Zweiten Weltkrieg bekannt sein dürften, tauchen die Namen von Kalavryta, Kommeno oder Distomo erst gar nicht in deutschen Geschichtsbüchern auf. Zu den Wehrmachtsverbrechen in Griechenland sind nun drei wichtige Bücher erschienen, die eine wesentliche Lücke bei der Aufarbeitung der Weltkriegsgeschichte schließen. Größere Beachtung verdient hierbei der Sammelband von Loukia Droulia und Hagen Fleischer „Von Lidice bis Kalavryta - Widerstand und Besatzungsterror“. In konzeptioneller Anlehnung an die gleichnamige Konferenz zum 50. Jahrestag des Massakers in Kalavryta werden in diesem Buch elf Beiträge veröffentlicht, die allesamt eine fundierte Faktenanalyse der Verbrechen der Wehrmacht liefern. Hagen Fleischer, Historiker an der Universität Athen, untersucht in seinem Aufsatz ebenso das Gerangel innerhalb der deutschen Offiziersriege um die „effektivsten“ Methoden zur Bekämpfung der Partisanen als auch die Versuche der Okkupationsmacht, „deutsche Ordnung“ im besetzten Griechenland zu diktieren. Die Wehrmacht war dabei bereit, so etwa der damalige Kommandant Kurt Student in einem Truppenbefehl, „unter Beiseitestellung aller Formalien und unter Ausschaltung von besonderen Gerichten“ mit „äußerster Härte“ vorzugehen. Bereits seit den Sechzigerjahren gilt es als Gemeinplatz in der historischen Forschung, dass die Wehrmacht umso rücksichtsloser Krieg geführt hat, je deutlicher sich ihre militärische Niederlage abzeichnete. In den letzten Kriegsjahren hat es bei der Wehrmacht eine regelrechte „Barbarisierung der Kriegsführung“ gegeben. Sie führte einen Vernichtungskrieg nicht nur im Osten, sondern auch in Serbien und Griechenland. Kaum eines dieser Verbrechen wurde in Deutschland historisch erforscht, wie Eberhard Rondholz in seinem Beitrag ausführt. Und genauso wenig wurden sie Verhandlungsgegenstand eines bundesdeutschen Gerichtes. Rondholz spricht hier mit den Worten von Ralph Giordano von einem „Rechtsstaat als Synonym für Täterbegünstigung“. Zudem förderten der aufkommende Kalte Krieg, die Wiederbewaffnung Deutschlands und die „Renazifizierung der Justiz“ eine kaum zu durchbrechende Mauer des Schweigens. Diese Mauer möchte Hermann Frank Meyer mit seinem jüngsten Buch „Kommeno - Erzählende Rekonstruktion eines Wehrmachtsverbrechens in Griechenland“ durchbrechen - einem auch für Berufshistoriker wichtigen Beitrag zur Weltkriegsgeschichte. Meyer hat akribisch recherchiert und dabei unbekannte Dokumente entdeckt. Darüber hinaus hat Mayer etliche Interviews mit Zeitzeugen auf griechischer wie auf deutscher Seite aufgezeichnet. In seiner systematisch überzeugenden „Rekonstruktion“ versucht er nicht Mitleid für die Opfer zu erheischen, sondern er lässt unumstößliche Fakten sprechen, die Schuld individuell fassbar machen. Fakten, die den Mythos entzaubern, dass die Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg „anständig“ und „sauber“ geblieben sei. Franzeska Nika hat diese „saubere“ Wehrmacht als junges Mädchen in Kalavryta erlebt - als eine mordende und raubende Bande von Soldaten, die weder Jugendliche noch Greise verschonten. Ihre traumatischen Erlebnisse hat sie in einem packenden Augenzeugenbericht niedergeschrieben. Die Szenen des Wahns, das Herzensleid der verwaisten Frauen, der Anblick der toten Männer, das zerstörte Dorf - all das braucht keine literarischen Überzeichnungen, keine stilistischen Pirouetten. Ungeachtet der erlebten Katastrophe unterscheidet Franzeska Nika in ihren bewegenden Aufzeichnungen wohlweislich zwischen den deutschen Tätern und dem deutschen Volk. Sie schickt sich nicht an, pauschale Verurteilungen auszusprechen. Ihr Anliegen ist das allzu menschliche Verlangen nach einem würdigen Gedenken an die Opfer dieser Gräueltaten. Was mochte wohl in ihr am 4. April dieses Jahres vorgegangen sein, als Johannes Rau in das Gästebuch von Kalavryta den Psalm 78,4-4 eintrug: „Was wir hörten und erfuhren, was uns die Väter erzählten, wollen wir vor unseren Kindern nicht verbergen, sondern den kommenden Geschlechtern erzählen.“ Loukia Droulia, Hagen Fleischer: „Von Lidice
bis Kalavryta“, Metropol Verlag, 296Seiten, 38 Mark.
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